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Mehr ist immer weniger

by Carsten Kreilaus. Average Reading Time: about 4 minutes.

Die Speisekarte in einem asiatischen Restaurant überfordert mich. Die Essensselektion artet regelrecht in Stress aus. Es gibt so viel Auswahl, zu viel. Da frage ich mich wie die Waren frisch sein können, wie groß die Vorratshaltung sein muss. Aber vor allem: Wie viel von den Lebensmitteln landet am Abend in der Mülltonne. Die vielfältigen Auswahlmöglichkeiten scheinen im ersten Moment für jeden Gusto das passende Angebot bereitzustellen! So ein Leben ohne Einschränkungen ist schön. In der Tat wird hier jeder fündig, aber ist das notwendig? Ist das gesund und umweltgerecht? Wie viel ist genug? Eine Bestandsaufnahme über das Überangebot der heutigen Zeit sowie die kritische Hinterfragung.

Die Auswahl ist ein Zeichen von Wohlstand und macht glücklich. Das mag auf den ersten Blick so scheinen. Wer Entbehrungen lebt, der vermisst die Qual der Wahl. Für die Hungernden bedeutet Auswahl eine Freiheit ohne Existenzängste. Ihr Bestreben ist es das mögliche Maximum zu sichern. Das ist verständlich. Es ist natürlich. Nichts zu haben ist unschön. Jeder strebt nach einem satten Zustand. Das Problem dabei: Satt sein macht träge. Jeder von uns in der westlichen kennt dieses schlappe Gefühl nach einer zu üppigen Mahlzeit. Steve Jobs hat den Satz „Stay hungry, stay foolish“ geprägt. Im ersten Teil bezieht er sich auf das „Hungrig“ sein im Menschen. Er meinte damit: Bleibe neugierig, bleibe dir treu und verfolge deine Leidenschaft. Im wörtlichen Sinne wird das „Stay hungry“ auf der japanischen Insel Okinawa gelebt, dort leben die ältesten Menschen. Ein Teil des Warum begründet sich darin, dass sie bei jeder Mahlzeit 30% ihres Magens ungefüllt lassen. Auch Steve Jobs hat zum Teil asketisch gelebt. Und schon die Römer wussten: Mens sana in corpore sano, nur in einem gesunden Körper wohnt eine gesunder Geist. Die spartanische Ernährung scheint ein Schlüssel zu einem Mehr an Wohlbefinden. Zumindest erleichtert sie die Auswahl im Restaurant. Wir sind es gewohnt alles, was unser Herz begehrt, im Supermarkt zu finden. Die dafür geschaffenen Handels- und Produktionsstrukturen sind zugegebenermaßen bequem, aber nicht umweltfreundlich. Wir haben verdrängt, dass die Natur nicht immer alles bereitstellt. Wir sind zu Gewohnheitstieren verkommen. Hier gilt es umzudenken und wieder ein Bewusstsein für Saisonalität und Regionalität zu entwickeln. Immer, alles und zu jedem Zeitpunkt ist kein Muss, auch wenn irgendwo auf dieser Welt immer Saison ist, sei es nur im Gewächshaus. Wir haben den bewussten und maßvollen Konsum vergessen!

Was in der Lebensmittelindustrie Gesetz ist, gilt auch für die Konsumgüter. In der westlichen Welt haben wir ständigen Zugriff auf alles und in jeder tieferen Ausprägung. Welchen Sinn macht es das Xte Gerät von irgendetwas zu besitzen, jedem Trend zu folgen. Die Werbeindustrie verkauft in schicken Worten und Bildern das „Du-muss-dabei-sein-Du-musst-es-Haben“ Gefühl. Das neue iPhone ist da, kauf es oder du bist ein Loser. Das Telefonieren, Simsen, Facebooken funktioniert auch mit der älteren Gerätegeneration. Nur ist man nicht mehr hip. Der Konsum verkommt zu einer reinen Show von Statussymbolen. Zeig mir was du hast und ich sage dir wer du bist! Die Notwendigkeit der einzelnen Produkte wird nicht mehr hinterfragt. Wirklich technische Neuerungen gibt es kaum. Oft sind es modische Updates und die Halbwertzeit der Produkte ist dabei nicht auf Langfristigkeit ausgelegt. Die Produkte schaffen sich selbst ihre eigene Nachfrage. Clever von den Herstellern, eine unnötige Belastung für die Umwelt und eine Überforderung für uns. Ist die Auswahl zu groß, führt das zu innerer Lähmung, zu schlechten Entscheidungen, zu Unzufriedenheit und Unsicherheit. Die Produzenten folgen dem Profit und vergessen, wie wir, was wirklich sinnvoll ist. Die Frage ist, was wir für ein besseres Leben wirklich benötigen. Die Antwort müssen wir uns selbst geben. Wir alle folgen derzeit blind einem System von sozialer Anerkennung sowie dem Ideal der Leistung. Gut-ist-nicht-gut-genug und schaut her was ich habe, sind Facetten der reinen Leistungsdenke der Höher-Weiter-Schneller Gesellschaft. Es zählt, was monetär Sinn macht. Schöne neue Welt. Ist das unser Lebensglück, unsere Lebenszufriedenheit? Mehr ist nicht immer besser.
Die KonsumgesellschaftMehr Arbeit. Mehr Konsum. Mehr Technik. Mehr Produkte. Das Mehr führt zu einer Belastung und wird von immer mehr Menschen so empfunden. Die Gesellschaft schliddert in Richtung kollektivem Burn-out. Wir konsumieren ständig und überall und verwechseln den Konsum mit unserem Leben. Die Formel „das Leben ist Konsum“ haben wir der geschickten Positionierung des Kapitalismus zu verdanken. Die Leistungsgesellschaft ist unser Leitbild. Auf der Strecke bleibt unsere Lebenskreativität. Die Fokussierung auf das Wesentliche bleibt aus. Ein Wandel vom ständigen Mehr hin zu einem zufriedenen und glücklich geführtem Leben erfüllt uns wieder mit mehr Sinn. Es müssen nicht immer die 150 % sein, wir nicht die neueste Generation besitzen, nicht vor uns überfordernden Auswahlmöglichkeiten stehen, wir müssen nicht alles kontrollieren und bis zur 10ten Nachkommastelle messen. Manchmal ist eine gute Lösung zufriedenstellend und ausreichend. Do not overanalyse your life. Es gibt genug Überflüssiges auf der Welt, deshalb ist weniger mehr und mehr immer weniger. Der Weg zu einem besseren Leben liegt im Abspecken, im bewussten Verzicht, im Teilen, in der Lebendigkeit unseres Lebens jenseits des Konsums. Unser neues Leitbild: Entscheidend für unsere Lebensqualität ist wer wir sind, nicht was wir besitzen! Schluss mit der Ökonomisierung des Lebens!

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3 comments on ‘Mehr ist immer weniger’

  1. Carsten sagt:

    Werbefreiheit – ein Schritt zur Umsetzung suffizienter Lebensstile, publiziert am 25. Oktober 2013 von Jan-Henning Korte: http://blog.postwachstum.de/werbefreiheit-ein-schritt-zur-umsetzung-suffizienter-lebensstile-20131025/

  2. Carsten sagt:

    „Generation der tausend Möglichkeiten“, Lisa Stehr: http://www.zeit.de/studium/2013-01/leserartikel-generation-moeglichkeiten

  3. Carsten sagt:

    „Zu viel des Guten: Wo Genügsamkeit angebracht ist“, Nico Rose: http://www.lead-digital.de/aktuell/work/zu_viel_des_guten_wo_genuegsamkeit_angebracht_ist

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