iA


Durch das Tanken zum Pawlowschen Hund degradiert

by Carsten Kreilaus. Average Reading Time: about 3 minutes.

Es ist Freitagabend, Feierabend und der Tank neigt sich gefährlich dem Ende zu. Tanken ist angesagt und mit diesem Wissen setzt ein Unbehagen ein. Ausgerechnet Freitag und dann noch nach 18 Uhr, das wird teuer. Teurer als Montags. Wieso diese Gesetzmäßigkeit gilt habe ich mich gefragt, aber noch keine Antwort gefunden. Angebot und Nachfrage bestimmen den Spritpreis mit. Fahren die Leute also Freitags signifikant mehr als Montags oder wird der Wochenendverkehr mitgenommen? Kurze Überlegung ob der Tank noch übers Wochenende reicht. Da ein Familienausflug am Wochenende ansteht, ist die Fahrt zur Tankstelle unvermeidlich. Nur zu welcher fahre ich, wo ist der Sprit am günstigsten? Viele Möglichkeiten bietet der Markt nicht, die Großen Fünf teilen so ziemlich den ganzen Markt unter sich auf. Ein paar Freie gibt es Gott sei Dank noch. Wettbewerb sieht definitiv anders aus. Die Freien sind kaum günstiger als die günstigen Markentankstellen. Liegt vermutlich daran, dass sie den Sprit über die Großen beziehen und damit deren Preisdiktat unterliegen. An der Tankstelle meiner Wahl angekommen, trifft mich der Schlag. Ich muss mir erst einmal die Augen reiben, ob ich mich da nicht verkuckt habe. Der Preis für den Liter Diesel liegt bei über 1,50 €! Wie kommen diese Preise zustande?

Angebot und Nachfrage als Preismitgestalter hatten wir bereits. Die Rohölpreise und der Euro-Dollar-Wechselkurs spielen auch eine Rolle sowie unvorhergesehene Ereignisse, die zur Verknappung führen. Mag stimmen. Rational nachvollziehen kann ich dieses tägliche Preiskarussell nicht. Wenn die Ratio nicht zur Erklärung taugt, vielleicht eignen sich Emotionen als Erklärungsmodell? Spielt hier eine psychologische Preisgestaltung der Mineralölkonzerne die tragende Rolle? Irgendwie habe ich das Gefühl das Ja. Erst wird der Preis von der Mitte zweier 10er Schritte über die nächste magische Grenze angehoben, so dass ein Aufschrei über alle Autofahrer zu hören ist. Dann wird der Preis wieder unter diese Grenze gesenkt. Jeder ist damit froh vermeintlich günstiger tanken zu können. Jedenfalls bin ich immer heilfroh. Dann erfolgt eine sukzessive Erhöhung sowie Absenkung der Preise, die uns an den dauerhaften Durchbruch langsam aber sicher gewöhnen lassen. Einige Wochen läuft dieses Katz und Maus Spiel bis die Preis-Konditionierung abgeschlossen ist. Ich fühle mich damit wie der Pawlowsche Hund der Mineralölkonzerne. Jetzt heißt es besser an den nächsten 10er Schritt gewöhnen und ich werde froh sein, wieder und zum Teil noch unter der nächsten Grenze zu tanken. Die Konzerne sind wahre Chinesen. Letzteren muss man zu Gute halten, dass das Kopieren eine Wertschätzung darstellt. Solange die Preisspirale nach oben geht, dürften sich allerdings die Mineralölkonzerne gegenseitig ebenfalls wertschätzen. Eine Absenkung der Preise seitens einer Partei ist unwahrscheinlich. Schließlich ist das Ziel die Gewinnmaximierung und dies würde den freiwilligen Verzicht auf Umsätze bedingen, außer einem Wettbewerbsvorteil ein Selbstmordkommando für die Verantwortlichen. Kartellrechtlich ist diese Konditionierung nicht zu beanstanden, solange keine Absprachen nachzuweisen sind. Der Frust an der Zapfsäule bleibt.

Die Frage ist wie wir aus dieser Preisspirale ausbrechen können? Die durch das Auto gewonnene Mobilität werden wir nicht wieder hergeben. Eine Möglichkeit besteht in der Änderung unseres Mobilitätsverhaltens, dadurch das Auto weniger zu nutzen. Kurze Strecken können wir zu Fuß oder auch mit dem Fahrrad zurücklegen, auf unnötige Wege verzichten. Der öffentliche Personennahverkehr kommt für längere Fahrten in Frage. Das eigene Auto können wir zugunsten von CarSharing Angeboten und/oder Fahrgemeinschaften abschaffen. Die Lösung liegt in der sinnvollen und intelligenten Kombination dieser Möglichkeiten. Bleibt auch der Kauf eines Elektroautos für die alternative Fortbewegung. Allerdings sind die derzeitigen Modelle noch sehr teuer und die Einsteiger sehen langweilig, nach Jute und Selbstgestricktem aus. Damit passen sie besser zur Ökobewegung die 80er, als in unsere Apple-Welt. Mit der Zeit und steigenden Spritpreisen, dem immer größer werdenden ökologischem Bewusstsein und Wertänderungen wird sich das Problem selbst regeln. Die fossilen Brennstoffe erleiden das gleiche Schicksal wie die Dinosaurier seinerzeit und mittelfristig die Gewerkschaften. Deren Zeit ist gekommen. Das ist Evolution. Eine etwas andere Idee ist die Gründung von Tankgenossenschaften, ähnlich den Energiegenossenschaften. Dies sind erste Anregungen für unsere Unabhängigkeitserklärung an die Mineralölkonzerne. Was sind eure Ideen, was macht ihr aktuell gegen teure Spritpreise und welche Erklärungen habt ihr für das Lotteriespiel an der Zapfsäule?

In diesem meinem Sinne, bis demnächst und viel Glück beim nächsten Tankstopp.

Flattr this!

2 comments on ‘Durch das Tanken zum Pawlowschen Hund degradiert’

  1. Carsten sagt:

    Das Thema Tanken erhitzt derzeit ganz schön die Gemüter. Der ADAC stellt Abzocke an der Tankstelle fest: http://www.adac.de/infotestrat/adac-im-einsatz/motorwelt/Benzinvergleich.aspx?ComponentId=120545&SourcePageId=6729

  2. Carsten sagt:

    Mineralölkonzerne zocken ab: bei Benzin liegt der Preis fast 5 Cent/l zu hoch. Diese ungerechtfertigten Gewinne kosten die Verbraucher pro Monat 98 Mio. Euro. Ergebnis einer Kurzstudie, im Auftrag der Bundestagsfraktion Bündnis90 / Die Grünen durchgeführt wurde.
    http://www.baerbel-hoehn.de/cms/default/dokbin/406/406303.benzinpreisstudie_2012.pdf

Leave a Reply