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Ich verstehe das nicht

by Carsten Kreilaus. Average Reading Time: about 7 minutes.

Ich weiß, dass ich nichts weiß. Das wußte schon Sokrates. Immer mehr Wissen steht uns zur Verfügung. Die Nachrichten aus aller Welt erreichen uns in Echtzeit. Das ergibt eine schier unendliche Flut an Informationen, in der wir zu ertrinken glauben. Wir sehen Leid und Krieg, Hass und Gewalt, News, die uns mürbe machen und davon so viele, dass wir die Wichtigkeit für uns nicht mehr erkennen. Das gab es früher schon alles und noch mehr, nur hat es die Menschen nicht erreicht und damit nicht belastet. Unsere eigenen Newsstreams überrollen uns, weil kein Mensch diese bewältigen kann. Eigentlich auch nicht muss. Die Zeit fehlt uns wirklich über das Gehörte nachzudenken, zu reflektieren und daraus eine eigene Meinung und Entscheidung zu bilden. Ich denke, also bin ich. Wir rennen hinterher, kopieren lieber, was alle sagen und machen. Wird schon stimmen. Und doch liegen wir oft falsch. Wir sehen nur, was wir bereits wissen. Ich verstehe immer weniger, je mehr ich weiß…fragezeichen Ich verstehe die Streithähne nicht. Es gibt Konflikte und es gibt Konflikte. Die Kommunikation ist gut und richtig. Wir sollten über alles miteinander reden, Konflikte regeln Mißstände. Ich finde es spannend und interessant andere Meinungen zu zulassen. Sie bereichern meinen beschränkten Horizont. Daher begrüße ich jeden Konflikt. Ich verabscheue Gewalt, das ist der andere, mir unverständliche Konflikt. Da stehen dann wohl Eitelkeiten dem Ich im Wege oder eine ganz andere, grundlegende Motivation.

Ich verstehe die Trolle nicht. In einer Demokratie ist Meinungsäusserung ausdrücklich okay und wichtig. Ich finde es nur bedauerlich, dass die Kommunikation dazu immer auf einem radikalen Niveau abläuft. Diese Radikalität bringt Aufmerksamkeit und die ist das kostbarste Gut im Konkurrenzkampf der Informationen. Die Antworten darauf sind das Futter für die Trolle. Auch hier wiederum: je heftiger, desto aufgeilender für den initialen Troll-Kommentator. Der Ton macht die Musik und für mich auch die Freude! Jegliche Radikalität, Fanatismus und Negativität ist fehl am Platz. Sie zieht dich nur runter und beschert miese Laune.

Ich verstehe religiöse Fanatiker nicht. Warum sich religiös anders denkende Menschen gegenseitig töten, nur weil sie anders sind. Und das obwohl ihre Religion das Töten verbietet. Aber es gibt ja die selbst ernannten Führer, die das anders sehen und sich das Recht nehmen, diese Gesetze anders zu interpretieren. Sei’s drum, die Absolution zum Töten wurde gegeben. Der hat´s erlaubt und muss es wissen. Selbst denken, abwägen und eine Entscheidung treffen. Fehlanzeige! Was will man erwarten. Versprochen wird einiges und es wird geglaubt. Hoffnung ist oft das einzige was sie haben. der Irrglaube deswegen nachvollziehbar, wenn auch unverständlich. Die Spartiaten wurden von Kindesbeinen an zu Kriegern ausgebildet. Wenn sie das System in Frage gestellt haben, wurden sie getötet. Eine Abweichung wurde nicht toleriert. Der Mensch als Anpasser, ein Kopist. Die Gleichheit fördert das Aussterben. Sie blockiert den Fortschritt. Ich würde gerne die Borg dazu interviewen, bevor ich assimiliert werde. Widerstand soll zwecklos sein, wenn das System Konformismus wünscht.

Ich verstehe die Politiker und Nationen nicht. Gewählt als unsere Vertreter scheinen die Politiker ihren eigenen Interessen Vorrang zu gewähren. Wobei die eigenen Interessen die Wiedergabe der Wirtschaftslobby-Wünsche sind, die damit wiederum den Umsatz der dahinter stehenden Unternehmen steigern. Das eigene Interesse eines Politikers ist reduziert auf seine geldliche Absicherung. Es spielt keine Rolle, was für das Gemeinwohl herauskommt. Unselbständigkeit und Abhängigkeit sind die für uns vorgesehenen Ziele. Zugehört wird nur, wenn Wahlzeit ist und des Volkes rote Karte droht. Ansonsten sind wir der Spielball zwischen Wirtschaft und Politik. Mag sein, dass der ein oder andere mit ehrlicher Absicht antritt und unsere Interessen vertritt, nur lohnt ihm die politische Kaste diese Absicht nicht und er ist schneller draußen, als das eine Entscheidung zu unseren Gunsten getroffen wird. Politiker sind es auch, die die nationalen Grenzen schützen. Ukraine, Syrien, Irak, Israel, um einige prominente Konfliktherde zu nennen, bekämpfen sich mit ihren Feinden und keiner gibt nach. Nicht Nationen stehen sich gegenüber, sondern einige wenige Menschen treffen die Entscheidungen für die Allgemeinheit. Ohne Rücksprache. Die Motivationen sind geschichtlicher, wirtschaftlicher, sozialer, religiöser Natur. Immer unverständlich. Fraglich, ob die Herren sich über die Konsequenzen ihrer Entscheidungen bewusst sind. Gemeinwohl sieht für mich anders aus. Auch wenn die Politik durchaus „böse“ Absichten hegt, so überwiegt die Inkompetenz.

Ich verstehe die Medien nicht. Statt Informationen zu recherchieren, zu hinterfragen und der Allgemeinheit neutral zur Verfügung zu stellen, werden Quotenmechanismen favorisiert und Interessen vertreten. Das Volk wird mit Sensationsgier-, Voyeurismus-, Schadenfreude-, Mir-geht-es-besser-Fernsehen bedient. Die wirtschaftlichen Abhängigkeiten bekommen so Vorfahrt. Verkauft sich die Wahrheit nicht mehr? Schlimmer noch, Meinungen werden bewusst in eine gewünschte Richtung gesteuert und die Allgemeinheit ausgenutzt. Böse formuliert nennt man das Manipulation. Fragt sich nur wessen Interessen vertreten werden? Und die alles entscheidende Frage: Warum werden die Nachrichten manipuliert? Sollen wir in Angst leben, uns durch das Leid anderer besser fühlen, damit unser eigenes Leben nicht so kläglich aussieht, uns mit unnützen Dingen eindecken, damit mehr Werbezeiten vermarktet werden… Ich weiß es nicht.

Ich verstehe die Unternehmen nicht. Wirklich nicht. Statt die Menschen in den Mittelpunkt ihrer Handlungen zu stellen, zählen nur Zahlen. Zahlen die einmal erreicht, die Messlatte für das nächste Jahr ein wenig höher legen. Und das übernächste Jahr wieder ein wenig höher und höher und usw. Eine nicht enden wollende Aufgabe, die uns nie das Ziel erreichen lässt. Dieses ewige Hinterherrennen dürfte nicht zur Steigerung unserer Motivation beitragen. Das Gegenteil ist zu vermuten. Wir verbrennen an der sich nicht selbsterfüllenden Prophezeiung, während die Unternehmenslenkung weiter die ewige Effizienzsteigerung als ein naturgegebenes Gesetz proklamiert und auf die sinnlose Verbesserung der x-ten Nachkommastelle besteht. Der kollektive Burn-out ist die Folge. Auch bei den Kunden ist damit kein Blumentopf zu gewinnen. Der Standardisierung und Nachkommastellen zum Opfer gefallenen Verschlechterung im Service, der Qualität, der Aufmerksamkeit um die wirklichen Wünsche der Kunden, mündet in einer Entfremdung von deren Angebot. Produkte und Unternehmen werden austauschbar, entscheidend für den Kauf nur noch der Preis. Das mag für manches Geschäftsmodel förderlich sein, nachhaltig ist es in keinem Fall. Der langsame Tod der Marken und der mit diesen verbundenen Loyalität ist vorprogrammiert. Über das Thema Geld möchte ich mich gar nicht weiter auslassen. Das sind die Zahlen, am Schluss geht es immer um´s Geld. Geld verdienen müssen die Unternehmen, das ist auch absolut okay. Aber zu welchen, zu wessen Kosten? Weder die Mitarbeiter, noch Kunden, auch nicht die Lieferanten sollten diese auf ihren Schultern zur Umsatzsteigerung tragen müssen. Dabei ist es oft keine böse Absicht, es werden „Befehle“ ausgeführt ohne zu hinterfragen. Es gehört eine gehörige Portion Mut dazu den eigenen Weg zu gehen. Das ist nicht für jeden etwas. Allerdings wäre die Wirtschaft fairer, wenn die Angst nicht ständiger und oft gewünschter Begleiter wäre, insofern eine demokratischere Unternehmensführung wünschenswert.

Ich verstehe uns nicht. Warum das Ganze, was haben wir davon? Vorbilder der friedlichen Revolution, wie der Dalai Lama oder Mahatma Gandhi, favorisieren eine leise, weise Art. Doch irgendwie spuren wir nicht. Wer nicht schreit, der nicht gewinnt oder was ist das Motto? Unwissen, denn wer schreit, der denkt nicht. Könnt ihr in einer ehrlichen Selbstbeobachtung gut an euch ausprobieren. Nach der ersten Beruhigung und beginnendem Nachdenken, sieht die Welt oft ganz anders aus. Darum lieber auf eine „böse“ E-Mail nicht emotional unangebracht reagieren, sondern sich vor der Antwort 5 Minuten Auszeit an der frischen Luft gönnen. Letztlich geht es dem Menschen immer nur um das Eine: Gewinnen, um jeden Preis. Jeder möchte besser sein als der andere. Keiner möchte als Verlierer da stehen, sieht einen Schritt zurück als Rückschritt an. Ich nenne das Klugheit. Zeit nehmen. Zuhören. Andere Meinungen tolerieren. Nachdenken. Selbst denken. Abwägen. Sich seine Meinung bilden und nicht aus Eitelkeit oder Hierarchie Denke auf der eigenen bestehen, das ist anstrengender als drauf zu hauen. Sich selbst nicht so wichtig nehmen. Das ist die wahre Gestaltung einer besseren Zukunft. Der permanente Siegeswillen und die Angst zu verlieren, sind die größten Probleme der Menschheit. Die Demokratie und das Zurückgeben die größte Erfindung. Daran müssen wir anknüpfen, Visionen entwickeln, um die Welt ein gutes Stück besser zu übergeben. Und immer dran denken: wir sind alle Menschen, jeder hat das Recht auf seine Individualität, es gibt viele Wahrheiten und wir leben in einer Gemeinschaft! Das verstehe ich.

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