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Genießen heißt nicht reparieren

by Carsten Kreilaus. Average Reading Time: about 4 minutes.

Unser Leben ist voller Termine. Eine Stimulation jagt hier die nächste. Ständiger Einsatz, ständige Aufmerksamkeit ist unsere Lebensmaxime. Sollte einmal Leerlauf drohen, dann können wir immer noch kurz unsere E-Mails checken oder in einem unserer sozialen Netzwerke stöbern. Input gibt es überall und zu jeder Zeit. Wir könnten schliesslich die News verpassen, sind bei den Freunden nicht auf dem aktuellsten Stand und wollen immer mit dabei sein, unseren aktuellen Status mitteilen. Ein Leben in Echtzeit. Fragt sich nur, was mit der echten Zeit ist. Was wir als modern und gut finden, dürfen wir natürlich unseren Kindern nicht vorenthalten. Wollen ihnen diese ständige Einsatzphilosophie mit auf deren Lebensweg geben. Also wird ihr Tag genauso arbeitsmäßig verplant, wie wir es von uns selbst gewohnt sind. Selbstverständlich von uns, denn einem Kind liegt es fern. Es spielt, wenn es spielen will. Zweckfrei. Die Kinder können es nicht wissen, wir schon. Ausserdem, der gesellschaftliche Rhythmus sieht dies so vor und was alle machen, wird doch der richtige Weg sein. Am Rande der Gesellschaft möchte keiner stehen, also heißt es mitmachen. Ob unbewusst oder bewusst. Von einem Ereignis, von einem Termin zum anderen, das muss das Leben sein. Tag für Tag erleben wir so einen ausgefüllten Tag. Aber ist dieser auch erfüllt?

Wieso fragen sich an dieser Stelle die meisten, das muss so sein. Solche Tage sind ein Erlebnis und ausserdem leben wir erstens in einer Leistungsgesellschaft und zweitens nehme ich mir meine Auszeiten. Mir macht die Arbeit Spaß. Und wenn ich wirklich mal eine Pause benötige, genieße ich ein schönes Abendessen. Ich gönne mir eine Massage und genieße. Ich gehe zum Sport und genieße. Aber wer braucht schon eine Pause. Ich jedenfalls nicht, sonst verpasse ich noch was, sonst überholt mich einer, sonst schaffe ich nicht, was ich mir selbst an Zielen gesteckt habe. Wenn ich´s nicht mache, ergreift ein anderer die Gelegenheit. Alles korrekt, alles gut. Ausreden finden sich immer. Die Arbeit macht auch Spaß, unsere Leistungsgesellschaft ist ok. Die Leistung als solche. Aber ein bewussterer Umgang mit dieser ist notwendig. Wir dürfen unser Leben nicht von ihr regieren lassen. Wir sind Menschen. Auch wenn uns das so manch einer weismachen möchte, Dauerbrenner sind wir alle nicht. Die Flammen schneller verloschen als uns lieb ist und wenn die Freizeitgestaltung dazu dient, die Arbeitskraft wieder aufzuladen, ist etwas im Argen. Ist doch auch gar nicht notwendig, sich der zwanghaften Dauererreichbarkeit hinzugeben. Die damit gewonnen geglaubte Freiheit ist nur eine  Illusion. Ok, so manch einer verwechselt diese mit Freiheit, setzt dies gleich mit Höchstleistung, fraglich nur, ob dessen Leistung tatsächlich ist. Wer´s braucht. Wir jedenfalls brauchen unsere Pausen in der echten Zeit vom Leben in der Echtzeit. Einen echten Rückzug schulden wir uns aus Respekt gegenüber uns selbst und unseren Familien. Das heutige Genießen ist oft kein echter Rückzug mehr. Wir vergessen die eigentliche Bedeutung des Genießens. Damit sind keine unter dem Genuss getarnte Reparaturarbeiten an unserem Körper oder Seele gemeint. Wir erliegen weiter den multimedialen Versuchungen, leben weiter in unserer Multitaskingwelt. Nur weil im Urlaub nicht direkt „Arbeit“ drauf steht, heißt das noch lange nicht, dass unser täglicher E-Mail-Check kein Arbeiten ist. Wir bleiben mittendrin, mit dem Kopf eingetaucht. Echtes Genießen heißt nicht, zu reparieren, was wir selbst kaputt machen und anschliessend weiterzujagen. Geniessen heißt, sich in der Zeit zu verlieren, sich auf Dinge einzulassen ohne Wenn und Aber. Zweckfreies Geniessen unter voller Aufmerksamkeit, das ist ein wahrer Gewinn für uns und die Ökonomie. Die Zeit vergessen, Nichtstun und auch mal Langeweile durchleben. In unser Gesellschaft ist der Stillstand allerdings verpönt, wird gleichgesetzt mit Faulheit und Leistungsverweigerung. Vergessen wird, dass dieser wahre Leistung erst ermöglicht. Was uns also fehlt, ist eine gesellschaftliche Toleranz und Akzeptanz gegenüber den Auszeiten. Die Einsicht, dass diese keine Auszeit fürs Vorwärtskommen bedeuten. Sie sind unsere schöpferische Kraft. All die uns umgebende und herabstürzende Vielfalt an Einflüssen sind ok, solange wir uns und unserem Kopf zwischendurch eine Auszeit gönnen. Wir müssen uns die Zeit geben, Dinge zu verarbeiten, daraus neue Wege, Ideen für uns, für unsere Arbeit abzuleiten. Arbeit gewinnt so wieder mehr Freiheit und Spaß.

Unsere Kinder haben das Privileg, nicht nach der Uhr zu leben. Sie beherrschen es in Perfektion, sich in der Zeit zu verlieren und nur ihrem eigenen Antrieb zu folgen. Wir Eltern sind ihre Vorbilder und sie werden kopieren, was wir ihnen vorleben. Sie werden entweder unseren ständigen Dauerlauf zu ihrer eigenen Geschichte machen oder am Ende eine Mischung aus beidem: laufen und verschnaufen. Lassen wir doch ab und an unsere Kinder uns ein Vorbild sein. Sie können uns lehren, wie wir Zeit vergessen und dadurch umso mehr Kraft für die morgigen Aufgaben haben.

In diesem meinem Sinne, bis bald.

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2 comments on ‘Genießen heißt nicht reparieren’

  1. Carsten sagt:

    Gefunden bei Spiegel Online, „Deutsche können alles – außer genießen“: http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/studie-zum-genuss-deutsche-haben-das-geniessen-verlernt-a-834461.html

  2. Carsten sagt:

    Gerade dazu eine schöne Geschichte gelesen, Verfasser unbekannt: Ein Professor stand vor seiner Philosophie-Klasse und hatte einige Gegenstände vor sich. Als der Unterricht begann, nahm er wortlos einen großen Blumentopf und begann diesen mit Golfbällen zu füllen. Er fragte die Studenten, ob der Topf nun voll sei. Sie bejahten es.
    Da nahm der Professor ein Behältnis mit Kieselsteinen und schüttete diese in den Topf. Er bewegte den Topf sachte, und die Kieselsteine rollten in die Leerräume zwischen den Golfbällen. Dann fragte er die Studenten wiederum, ob der Topf nun voll sei. Sie stimmten zu.
    Der Professor nahm als nächstes eine Dose mit Sand und schüttete diesen in den Topf. Natürlich füllte der Sand den kleinsten verbliebenen Freiraum. Er fragte wiederum, ob der Topf nun voll sei. Die Studenten antworteten einstimmig mit „Ja“!
    Der Professor holte zwei Dosen Bier unter dem Tisch hervor und schüttete den gesamten Inhalt in den Topf und füllte somit den letzten Raum zwischen den Sandkörnern aus. Die Studenten lachten.
    „Nun“, sagte der Professor, als das Lachen langsam nachließ, „ich möchte, dass Sie diesen Topf als die Repräsentation Ihres Lebens ansehen. Die Golfbälle sind die wichtigen Dinge in Ihrem Leben: Ihre Familie, Ihre Kinder, Ihre Gesundheit, Ihre Freunde, die bevorzugten, ja leidenschaftlichen Aspekte Ihres Lebens, welche, falls in Ihrem Leben alles verloren ginge und nur diese verbleiben würden, Ihr Leben trotzdem noch erfüllend machten.
    Die Kieselsteine symbolisieren die anderen Dinge im Leben wie Ihre Arbeit, Ihr Haus, Ihr Auto. Der Sand ist alles andere, die Kleinigkeiten. Falls Sie den Sand zuerst in den Topf geben“, fuhr der Professor fort, „gibt es weder Platz für die Kieselsteine noch für die Golfbälle. Dasselbe gilt für Ihr Leben. Wenn Sie all Ihre Zeit und Energie in Kleinigkeiten investieren, werden Sie nie Platz haben für die wichtigen Dinge. Achten Sie auf die Dinge, welche Ihr Glück gefährden.
    Nutzen Sie die Zeit! Führen Sie Ihren Partner zum Essen aus. Spielen Sie mit den Kindern. Gehen Sie zu einer medizinischen Untersuchung. Achten Sie zuerst auf die Golfbälle, die Dinge, die wirklich wichtig sind. Setzen Sie Ihre Prioritäten. Der Rest ist nur Sand.“ Einer der Studenten erhob die Hand und wollte wissen, was denn das Bier repräsentieren soll. Der Professor schmunzelte. „Ich bin froh, dass Sie das fragen. Es ist dafür da, Ihnen zu zeigen, dass egal wie schwierig Ihr Leben auch sein mag, es immer noch Platz hat für ein oder zwei Bierchen.“

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