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Gefällt mir, gefällt mir

by Carsten Kreilaus. Average Reading Time: about 3 minutes.

Irgendjemand hat kürzlich im Selbstversuch alle von Facebook vorgeschlagenen Beiträge mit Gefällt mir markiert, 48 Stunden lang. Lustiges Experiment. Aber warum das Ganze? Im Leben gefällt mir nicht alles was mir begegnet. Ich selektiere. Ich wäge ab. Etwas weckt meine Neugierde, erregt meine Aufmerksamkeit. Ich interessiere mich. Das passiert bei Facebook, komprimiert auf einen Ort.Gefällt mir - facebookWieder andere warnen vor allzu großer Preisgabe privater Dinge, des Lebenslaufes und der Bewerbungen wegen. Heißt dies im Umkehrschluss ich soll bei Bewerbungsgesprächen eine geschönte Version meines Werdegangs, meines Ich’s wiedergeben? Will die Welt belogen werden? Sind nicht die Dinge, die ich mag, die mich beschäftigen, meine Gedanken die ich zum Ausdruck bringe die Wiedergabe meines Ich’s? Weder Arbeitgeber, noch Arbeitnehmer haben etwas von einer gegenseitig aufgebauten Scheinwelt, sicher kein zufriedenes Miteinander. Ein Nebeneinander vielleicht. Ich würde auch nicht vom Verlust der Privatsphäre sprechen. Es bleibt uns überlassen, was wir posten und mit wem wir teilen. Im persönlichen Gespräch binden wir nicht jedem, alles auf die Nase. Das bleibt Ermessenssache. Der bewusste Umgang ist der Maßstab für unsere soziale Kommunikation.

Apropos Scheinwelt. Klar, auf Facebook gefallen uns Dinge, kommentieren, posten wir wie wir wahrgenommen werden wollen. Wir teilen unser Selbstbild und unser Experiment mit diesem zeigen wir der Welt. Dies zu leugnen und deswegen dem Lebenslauf zu unterwerfen kommt einem Verrat unseres Selbst gleich. Ich bin ich und bleibe Ich. Zu unser Weiterentwicklung gehört das soziale Ausprobieren mehrerer Realitäten. Dies macht niemand anderen aus mir. Daran ändert auch die Wahl meiner Gefällt mir nichts. Oft sind diese stimmungsbezogen, Abbild eines spontanen Moments. Die Auswertung mag Rückschlüsse geben, die Wahrheit sprechen sie, ohne den Mensch und seine Absichten zu kennen, nicht. Facebook ist ein wunderbares Tagebuch für besondere Ereignisse, für das Mitteilen und für die gefühlte Nähe zu Menschen, denen wir nahe sein wollen, aber nicht immer können. Es ist eine Möglichkeit der Teilhabe, die bewusst eingesetzt unser Leben mit dem Anderer verknüpft. Eine Bereicherung. Facebook ist eine Bühne für unsere soziale Selbstdarstellung. Nichts anderes machen wir Tag für Tag. Unser Alltag ist die Darstellung unseres Selbst, ob wir wollen oder nicht. Darin liegt die Stärke, die soziale Anziehungskraft von Facebook, der sozialen Medien überhaupt. Sie ist zutiefst menschlich. Und wenn ich mal nicht mehr bin, dann kann mein Sohn in meiner Timeline ein Eindruck von meinem Leben bekommen. Meine soziale Autobiographie. Warum sind soziale Profile eigentlich nicht von Haus aus vererbbar?

Ein Missbrauch, im Sinne einer falschen Nutzung, ist so menschlich wie das Irren. Shitstorms und so manches Niveau eines Kommentars stellt die Vernunft von uns Menschen mehr als in Frage. Und gerade wenn das Geld als Hauptmotivation ins Spiel kommt, nehmen die Irrungen und Wirrungen exponentiell zu. Die Unternehmen schaffen es jeden Kanal für den Aufbau ihrer übertriebenen Parallelwelt zu entfremden. Statt der Ausdruck einer klaren Positionierung, ist das Ziel möglichst viele Likes zu bekommen. Statt ehrlicher und direkter Kommunikation mit den Kunden, wird eine Selbstverliebtheit kommuniziert. Voraussetzung für die authentische Kommunikation ist das Wissen über die Unternehmens-DNA. Jedes Unternehmen sollte wie aus der Pistole geschossen die Frage beantworten können: Wofür steht meine Unternehmen? Komisch, was viele Unternehmer für die Wahrheit halten – ohne Kenntnis über den eigenen Markenkern – und wie wenig ihnen an der direkten Kommunikation, dem Dialog, liegt. Dabei würde dies den Menschen mehr in den Mittelpunkt der Wirtschaft rücken. Die Unternehmen nahbar machen. Das was die Wirtschaft erfolgreich und nachhaltig macht, sind die zwischenmenschlichen Beziehungen. Das digitale Abbild dieser Beziehungen sind die sozialen Medien. Das Unternehmen Facebook macht sicher nicht alles richtig, genau wie wir alle. Es stellt uns aber eine wunderbare Plattform für die soziale Interaktion zur Verfügung. Wir alle können uns auf dieser sozialen Alltagsbühne in die richtige Richtung – mit gegenseitigem Respekt im Umgang miteinander, Fairness und Toleranz – bewusst bewegen. Das wünsche ich mir, das Gefällt mir!

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