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Und was machen Sie so? Ich… Privatier. Ooh!

by Carsten Kreilaus. Average Reading Time: about 4 minutes.

Modern ist die Bezeichnung Privatier sicher nicht. In erster Linie hört sich der Begriff angestaubt, überholt und nach französischem Adel an. Ein Priavtier dürfte schnell mit Eigenschaften wie nicht arbeitend, verwöhnt, zu Hause in den Tag lebend in Verbindung gebracht werden. Eine Portion Neid spielt sicher eine Rolle. Die Frage ist, ob das Leben eines Privatiers nicht vielleicht nutzstiftend ist? Wer ist überhaupt dieser Privatier, der dem 19. Jahrhundert entstammt? Laut Wikipedia gilt als Privatier „…eine Person, die finanziell so gut gestellt ist, dass sie nicht darauf angewiesen ist, zur Deckung ihrer materiellen Bedürfnisse einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, unabhängig davon, wie sie zu dem Vermögen gekommen ist. Der Privatier bezieht keine Unterstützung vom Staat, bezahlt aber sämtliche Steuern und sonstige Abgaben selbst.“ Das klingt sehr verlockend. Was aber ist so faszinierend an solch einem Leben? Das vermeintliche Nichtarbeiten, das Vermögen? Sollte der Stand des Privatier wieder zum Leben erweckt werden und unser angestrebtes Ideal sein?

Der Privatier kann seiner Berufung folgen und frei entscheiden, was er mit seinem Tag anfängt. Diese Befreiung von materiellen Notwendigkeiten nimmt uns eine große Last von den Schultern. Es ist viel wert nicht für seinen Lebensunterhalt arbeiten zu müssen und dürfte dem eigenen Glück und der Zufriedenheit zuträglich sein. Schließlich sind laut einer Umfrage des Online-Netzwerk LinkedIn rund 36% der Deutschen unzufrieden mit ihrer beruflichen Lage. Das reicht für Platz 12 von 16 befragten Ländern. Die berufliche Unzufriedenheit wirkt sich auf das Privatleben aus. Das eine steht mit dem anderen in direkter Abhängigkeit. Das Leitbild eines Privatiers dürfte damit für viele eine Frohlockung bedeuten. Arbeiten zu können, was und wie ich möchte, ohne geistige Restriktionen. Ich: ein Privatier. In geselliger Runde habe ich öfter darüber gescherzt mir Visitenkarten mit meinem Namen drucken zu lassen und darunter steht schlicht: Privatier. Mir zumindest würde nicht langweilig werden. Es gibt immer etwas zu tun. Schön allerdings, wenn wir es nicht als Arbeit definieren müssen, um unseren Lebensunterhalt zu bestreiten. Privatier zu sein heißt nicht zwingend sinnlose Dinge zu tun. Im Gegenteil: die gewonnene Freiheit sollte der Privatier für die eigene Bildung und Interessen nutzen. Das hat beispielsweise Alexander Freiherr von Humboldt so gehandhabt. Dank seines geerbten Vermögens konnte er seiner Berufung der Forschung nachgehen. Er hat im Alter von 27 Jahren eine Südamerikareise 3 Jahre vorbereitet, war 5 Jahre unterwegs und die restlichen 30 Jahre mit der Auswertung beschäftigt. Das Ergebnis war ein umfassendes Werk zum zeitgenössischen Wissen über die Natur und deren Wechselwirkungen. So erkannte er den Raubbau des Menschen an der Natur sowie die dadurch verursachten Veränderungen in der Umwelt, im Klima und Wasserhaushalt. Diese Bildung kommt dem Privatier selbst, seiner Familie und dem Gemeinwohl zu Gute. Adios Pisa-Probleme. Die Bildung ist ein wertvolles Gut und kann dank der heutigen technischen Möglichkeiten schnell sozial ge- und verteilt werden. Eine weitere Wissensexplosion, gepaart mit mehr innerer Zufriedenheit, ist die Folge.

Privatier zu sein ist nicht schwer, Privatier zu werden hingegen sehr. Der Privatier ist so vermögend, dass er nicht arbeiten muss um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Woher kommt dieses Vermögen, wenn nicht vererbt oder erarbeitet? Das bedingungslose Grundeinkommen könnte uns zu diesem Ziel führen. Die dadurch gewonnene Freiheit ermöglicht uns die Widmung unser Berufung. Systemausnutzer ausser Acht gelassen, könnte uns dadurch eine Entscheidungsfreiheit gegeben werden, die uns Dinge tun lässt, die uns im Alltag nicht möglich scheinen. Am Ende des Tages ist das liebe Geld doch immer unsere beliebte Ausrede und unser Hemmschuh für das Nachgehen unser innersten Wünsche. Das bedingungslose Grundeinkommen kann daher die benötigte Traute sein, die uns zu einem persönlich zufriedenerem und glücklicherem Leben führt. Wir können einfach Dinge ausprobieren. Umgekehrt sind drakonische Steuern die große Abschreckung in die falsche Richtung zu gehen. Das Grundeinkommen eine Negativsteuer. Der eine hat mehr, der andere weniger Vermögen. Daran wird auch das Grundeinkommen nichts ändern. Es könnte aber den Neidfaktor verringern. Bei der Bildergeschichte von Wilhelm Busch „Zwei Diebe“ wollen die Beiden den im Bett liegenden Privatier ausrauben. Der hat schliesslich mehr Geld.

Bleibt zu hoffen, dass der Neid tatsächlich weniger würde, wenn wir alle Freigeister sind. Der ultimative, aber verarmte Privatier findet sich auf der Erde bei Star Trek. Es gibt kein Geldsystem, zumindest mir ist es nicht bekannt. Die Gesellschaft lebt für die Forschung, die eigene Fortbildung und damit für das Vorankommen der Gesellschaft, der Menschheit. Eine schöne Vorstellung für eine bessere Welt, mit mehr Offenheit, Ehrlichkeit, Gleichwertigkeit und ökologischem Wandel. Der Privatier kann zum modernen Sozialingenieur werden der soziale Innovationen fördert und gesellschaftliche Problem löst.

Muss jetzt weiterarbeiten, zum Privatier habe ich noch ein gutes Stück Weg vor mir liegen. Das Ziel habe ich vor Augen oder ist der Weg das Ziel? In diesem meinem Sinne, bis demnächst.

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One comment on ‘Und was machen Sie so? Ich… Privatier. Ooh!’

  1. Dorfkramer sagt:

    Schön, dass jemand dieses Thema aufgreift.
    Es ist in unserer Angestelltengesellschaft wirklich schlimm geworden. Der Rechtfertigungsdruck kommt spätestens nach einer Minute Gespräch:

    „Was machen Sie so?“
    „Was machen Sie beruflich?“
    „Womit verdienen Sie Ihr Geld?“

    Der Privatier wird schon irgendwie sein Geld verdienen. Wen schert es? Offensichtlich diejenigen, die sich gar nicht vorstellen können, für sich zu leben, ohne Firmenzusatz und Firmenkarte.

    Bin gespannt, ob es irgendwann eine Privatierslobby gibt, bzw. die Ausdefinierung einer Privatierskultur.

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