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Autobahn-Rambo – Der ganz normale Pendler-Wahnsinn

by Carsten Kreilaus. Average Reading Time: about 8 minutes.

Autobahn-Rambo | kreilaus.de

Rund 60 Prozent der Deutschen pendeln zur Arbeit. In München beispielsweise pendelt eine halbe Million Menschen nach München oder aus der Stadt heraus. Das ist in Deutschland Pendlerrekord. Dieser Pendler-Wahnsinn bedeutet aber gleichermaßen, dass die Menschen hier 49 Stunden pro Jahr im Stau stehen. Neben dem Auto, werden Züge, Busse, S- und U-Bahnen bevölkert. Das Auto ist und bleibt aber die Nummer 1 unter den Verkehrsmitteln der Berufspendler. Mehr als zwei Drittel nutzen auf ihrem Arbeitsweg das Auto, meistens alleine. Die meisten fahren bis zu 20 Kilometer, gefolgt von der Pendlergruppe bis 40 Kilometer. Immerhin legen 2,9 Millionen Pendler mehr als 42 Kilometer zurück. Zu der Gruppe gehöre ich seit einigen Monaten und möchte euch einmal mitnehmen auf die tägliche Fahrt auf Deutschlands Straßen. Erlebt mit mir den ganz normalen Wahnsinn.

Wie ich zum Auto stehe

Bevor wir zusammen losfahren, möchte ich kurz noch meinen Autostandpunkt klarstellen. Ich fahre gerne Auto. Ich liebe Autos, vor allem schnelle und schöne. Aber, seit einigen Jahren und mit Familiengründung stecke ich einem echten Dilemma. Die Umwelt ist für mich ziemlich wichtig. Ich möchte meinem Sohn eine Zukunft hinterlassen. Dazu gehört heute Verantwortung für morgen zu übernehmen. Das Auto gehört bekanntermaßen nicht zu den ökologischsten Verkehrsmitteln. Daher fasziniert mich der Gedanke ein Elektroauto zu fahren. Ja, ja, soll auch nicht so ökologisch sein. Trotzdem sicher besser als die Verbrennungsmotoren. Neben der noch fehlenden Alltagstauglichkeit stört mich vor allem deren Autodesign. Warum müssen die bezahlbaren Elektroautos aussehen, wie eine Kreuzung aus Reisschüssel und Jutebeutel? Es gibt die schönen Exemplare, wie Tesla bestens beweist. Nur sind diese nicht wirklich leistbar für den Otto-Normalverbraucher. Der Renault ZOE ist vielleicht eine Ausnahme. Mein Fazit: ich warte noch auf das richtige Model. Jetzt aber zu meiner täglichen Pendeltour von rund 90 Kilometern einfacher Fahrt.

Jeden morgen startet das Autorennen aufs Neue

Morgens gegen 7 Uhr geht es los. Die Motoren auf Deutschlands Straßen werden gestartet und nach dem Warm-up auf den Landstraßen, Bundesstraßen und Autobahnen gibt es nur noch eine Regel: Vollgas. Ich mache mich meistens um 7:15 Uhr auf und umgehe den ersten täglichen Autobahn-Stau durch eine gemütliche Fahrt quer durch die Stadt. Ich fahre durch Wohngebiete, 30er Zonen und von Ampeln gesäumte Strecke, aber ich fahre, wenn auch nicht schnell. Von Gemütlichkeit kann trotzdem nicht wirklich die Rede sein, da viele Verkehrsteilnehmer mir den Anschein erwecken zu viel Kaffee getrunken zu haben. Nervosität, Hektik, Stress scheinen ihre täglichen Begleiter. Vielleicht fahren sie zu spät los, sind knapp dran – denke ich mir immer. Immerhin riskieren sie als Pendler bei Zuspätkommen arbeitsrechtlich eine Abmahnung. Und Verspätungen gehören beim täglichen Pendeln zum Alltag. Schliesslich lassen sich auf dem Arbeitsweg viele Engpässe nicht umgehen, diesen Unwägbarkeiten sind wir als Autofahrer hilflos ausgeliefert.

Nach knappen 20 Kilometern querfeldein und einer guten halben Stunde Fahrt erreiche ich endlich die Autobahn. Erleichterung macht sich breit, könnte man meinen, da die restlichen 70 Kilometer ohne Ampeln, ohne Geschwindigkeitsbegrenzung und freier Fahrt absolviert werden. Die Rechnung geht nur nicht auf. Zu viele Autos haben den gleichen Weg. Und in Deutschland können wir noch froh sein, jammern hier zu Lande auf hohem Niveau dank einer gut ausgebauten Infrastruktur und im Vergleich ist die Verkehrsdichte nicht so hoch, wie in anderen Metropolen. Trotzdem, die Zunahme an LKW, zweispurige Streckenabschnitte und eine zunehmende Anzahl an Berufspendlern sorgt für Stress. Dabei ist dies gar nicht das Schlimmste. Jetzt beginnt erst Recht das Rennen.

Die Pendelmobilität erschafft den Autobahn-Rambo

Es liegt vielleicht in der Natur des Menschen. Viele möchten mehr, gewinnen, als Sieger hervorgehen, erster sein. Das macht sich auf der Autobahn deutlich bemerkbar. Und wer Morgens verliert, bekommt im Feierabendverkehr eine erneute Chance auf seinen Rennsieg. Die Rennfahrer unterscheiden sich dabei in ihrer Fahrweise. Ich habe neben dem Normalo vier Fahrertypen identifiziert, die in einer Tatsache übereinstimmen: Blöd, sind immer die anderen. Es gibt die Raser und Drängler, die Mittelspurverliebten, die Träumer, das mobile Büro oder alles in einem.

Der Mittelspurverliebte

Die Mittelspurverliebten haben offensichtlich noch nichts vom Rechtsfahrgebot gehört. Sie fühlen sich pudelwohl auf der mittleren Spur und als Vertreter einer zumeist gemütlichen Fahrweise schleppen sie einen Korso von abbremsenden Fahrzeugen hinter sich her. Wenn die linke – dauerbesetzte Spur – es zulässt, überholt der Abgebremste links. Ansonsten bleibt noch die rechte LKW-Spur für das Überholmanöver. Das ist allerdings verboten und mit einem nicht unerheblichen Risiko verbunden, da andere Verkehrsteilnehmer unsicher und vor allem unvorhergesehen reagieren könnten. Das führt uns zum Raser.

Der Raser und Drängler

Verkehrsregeln gibt es nicht, sind offensichtlich durch einen Freifahrtschein für diese Spezies aufgehoben. Entweder durch Fast & Furious 1-8 animiert, notorisch unter Zeitdruck oder einfach nur ohne Rücksicht-Verantwortung-Respekt-Gen ausgestattet, schaffen die Raser es auf kürzesten Strecken und ohne Platz links, rechts sich durch die Automassen zu manövrieren. Geschwindigkeitsbeschränkungen, vor allem in Baustellen verstehen sie vorwiegend als Empfehlung der Straßenverkehrsordnung. Generell beschleicht mich das Gefühl, dass in Baustellen die gedrosselte Geschwindigkeit von meistens 80 km/h nur eine Richgeschwindigkeit ist. Wenn ich mit 80 durch die Baustelle fahre, werde ich aus den vorbeifahrenden Auto schief angeschaut, ernte mitleidiges Kopfschütteln oder werde bedrängt. Gerne übrigens auch von LKWs. Ich habe einen Selbsttest gemacht und bin mit 100 km/h durch die Baustelle gefahren und siehe da, Anerkennung von allen Seiten. Vielleicht habe ich ein neues Gesetz verpasst und diese roten Geschwindigkeitsbegrenzer haben eine Toleranzgrenze von mindestens 20 km/h verpasst bekommen. Das passt aber nicht zum aufgestellten Blitzer, der sich durchaus noch an den vorgegebenen 80 orientiert bei seiner Messung.

Am schlimmsten sind die Das-ist-meine-Autobahn-Hobby-Rennfahrer. Neulich fuhr ich hinter einem überholenden LKW her, in der Tat etwas nervig, zumal Überholverbot für LKWs bestand. Was sollte ich machen, Da kommt eh keiner vorbei. So dachte ich in meiner Autonaivität. Doch es gibt rechts den Standspurstreifen! Und so kam ein Mittelklassewagen von hinten mit Lichthupe angefahren, wurde in meinem Rückspiegel größer und größer und gefühlt ohne zu bremsen und kurz vor dem unvermeintlichen Aufprall,  zog der PKW rechts an uns allen unter hupendem Getöse vorbei. Sehen konnte der sicher nicht, ob auf dem Standstreifen ein Hindernis stand. Hoffentlich hat der einen direkten Draht zu seinem Schutzengel.

Abstand halten bei den Geschwindigkeiten wird überbewertet. Da viele Autos unterwegs sind, ist es durchaus platzsparend zum Vorderfahrer den kürzest möglichen Abstand einzuhalten. Sicherheit? Gut, dass ist eine andere Diskussion. Und gerne signalisiert der Hintermann dem Vorausfahrenden damit seinen Unmut über die zu niedrige Geschwindigkeit. Die Platz-da-hier-komm-ich-Drängler übersehen meistens die zahlreichen Autos vor dem Vordermann. Ihr Sport ist es sich Auto um Auto vorzukämpfen. Vorausschauend fahren geht anders.

Der Träumer

Der Träumer ist der eher gemütliche Fahrer, der die Geschwindigkeit einhält, meistens unterschreitet und auf der rechten Spur vor sich her tuckert. Ein angenehmer Zeitgenosse, bis ein LKW vor ihm auftaucht. Das Bewusstsein anderer Verkehrsteilnehmer und eines Rückspiegels existiert selten bei diesen Artgenossen. So passiert es regelmäßig, dass kurz bevor ich mit 150 Stundenkilometern an den beiden vorbeifahre, der Autofahrer sich – durchaus auch mal ohne Blinker zu setzen – zum Überholmanöver auf die linke Spur zieht. Gut, dass die Bremsen ziehen. Das aufwachende Gesicht im Rückspiegel der Träumer ist durchaus oft unbezahlbar. Und mir tut die fast Vollbremsung auch leid, aber so geht es nun mal nicht. Ein fliessender Verkehr erfordert neben Einhaltung von Regeln auch Rücksichtnahme auf andere Teilnehmer.

Das mobile Büro

Die Rücksichtnahme gehört nicht zu den Stärken des mobilen Bürofahrers. Sichtlich gefesselt und schon vertieft in seine Arbeit spricht er mit seinen Kollegen, dem Chef oder Dritten und erledigt souverän die ersten Aufgaben des Arbeitsalltages. Ich dachte bis dato Freisprechanlagen sind mittlerweile Usus. Die Beobachtungen der mobilen Büroautos haben mich eines besseren gelehrt. Das Handy am Ohr und eine Hand weg vom Steuer sind noch ziemlich weit verbreitet. Die Aufmerksamkeit für die Straße tendiert dabei gegen Null. Auch hier war ich so naiv und dachte, es gibt eine Regel im Straßenverkehr dafür. Regeln sind dazu da gebrochen zu werden. Im Stau sind die Blicke oft nach unten gesenkt. Nicht der aussichtslichtlosen Lage wegen, sondern für den Blick aufs Smartphone. Lustig anzuschauen ist, wenn vier Mitfahrer gleichzeitig nach unten schauen. Es lebe die Unterhaltung.

Wie sich das Pendeln auf die Gesundheit auswirkt

So, jetzt kennt ihr den ganz normalen Wahnsinn im Leben eines Berufspendlers etwas besser. Vielleicht habt ihr euren Fahrtypus wiedererkannt. Was der Stress und die Anspannungen mit uns macht, ist Gegenstand vieler Untersuchungen. Konsens herrscht in der Tatsache, dass Pendler häufiger genervt sind als Menschen mit kürzeren Arbeitswegen. So kann die Pendelmobilität – laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung – die körperliche und psychische Gesundheit gefährden. Auch das Bundesverkehrsministerium bestätigt, dass die Mobilität keinen Raubbau auf Kosten von Mensch und Natur verursachen darf. Ein schöner Gedanke, die Realität sieht anders aus.

Dabei verdamme ich gar nicht die Pendelmobilität. Wie gesagt, ich mag Autofahren. Schlimm sind unser Verhalten und die Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen. Da klammere ich mich nicht aus. In dem Punkt freue ich mich auf die Zeit autonom fahrender Autos, mit einem gleichmäßigen Fluß an fahrenden Kraftfahrzeugen. Damit gehört der Stress hoffentlich der Vergangenheit an. Die Zunahme an Aggressivität kann ich aus eigener Erfahrungen bestätigen. Autofahren als Pendler macht aggressiv. Ich versuche dem jeden Tag aufs Neue entgegenzuwirken, durch ein besonnenes, vorausschauendes Fahren, bei dem ich die anderen Verkehrsteilnehmer bewusst wahrnehme, aber ihre Handlungen nicht bewerte. Die Betonung liegt dabei ganz eindeutig auf: „Ich versuch´s, jeden Tag aufs Neue“.

Gute Nerven! Gute Fahrt!

Schildert gerne, als Kommentar unter dem Artikel, eure Erfahrungen als Pendler, gleich welches Verkehrsmittel.

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